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Die Fliege als Symbol des Ephemeren

STIL[L]LEBEN "OHNE ETWAS", FOTOZYKLUS 2003

Als Genre der Malerei seines ursprünglichen Sinns beraubt und weitgehend in Vergessenheit geraten, feierte das Stillleben in der Werbefotografie des 20. Jahrhunderts seine Wiederauferstehung als eine Hilfsgattung der Massenkultur. Der vorliegende Zyklus stellt den Versuch dar, dem Stillleben seinen Status als künstlerische Ausdrucksform zurückzugeben.

Ihre erste Entwicklung und Hochblüte erfuhr diese Gattung in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, einem Ort, der zu dieser Zeit in vieler Hinsicht an der Spitze der europäischen Entwicklung stand – sei es im Bereich der Naturwissenschaften (Erfindung des Mikroskops und Entdeckung der Zellstruktur durch A. van Leeuwenhoek), der Wirtschaft (Entwicklung des Schnittblumenhandels, die ersten Tulpenbörsen) oder der gesellschaftlichen Verhältnisse (angesichts der in den Niederlanden bereits damals geltenden liberalen Gesetze übersiedelte dorthin innerhalb eines kurzen Zeitraums eine Vielzahl von anderswo aufgrund ihrer religiösen, weltanschaulichen oder sexuellen Orientierung verfolgten Menschen).

Das Stillleben löst als Gattung das bis dahin dominierende allumfassende religiös-mythologische Kunstverständnis ab und etabliert eine künstlerische Sichtweise, die Gegenstände in ihrer Funktion als "Zeichen" verwendet und so von allgemein menschlichen Werten spricht, ohne sich der unmittelbaren Anwesenheit des Menschen (bzw. des Göttlichen) im Bild selbst zu bedienen.

Sind diese unvergänglichen Werke in ihrer poetischen künstlerischen Aussage auch voll von Humor und reich an verspielten, rebushaften Elementen, so verweisen sie uns doch stets auch auf die Vergänglichkeit und Eitelkeit (Vanitas) der Welt – Zitronen als Symbol des Alterns, die Fliege als Symbol des Ephemeren etc.

Aus dem Dunkel des Unwissens (üblicherweise ein schwarzer Hintergrund), in das der helle Moment der Gegenwart zu entfliehen strebt, treten die Dinge hervor und eröffnen uns die Natur ihrer eigenen Wirklichkeit. Im vorliegenden Fall geschieht dies unter Einsatz zeitgenössischer Medien- und Informationstechnologien, die hier – neben ihrer Rolle als Bildgegenstand (Fernseher und Computermonitor) – zugleich als elektrische Lichtquellen fungieren, sowie mit Hilfe von Gegenständen aus der "heutigen" Gebrauchswelt des Menschen (Wattestäbchen, Tabletten, Glühbirnen). Wir sehen vor uns den Versuch, das in der Vergangenheit versunkene Genre des Stilllebens wiederzuerwecken, das Alltagsleben zu "kadrieren", es neu ins Bild zu rücken: Die ewigen Bestandteile der Welt – Licht und Dunkel, Leben und Tod – erklingen so in unserer hyperbeschleunigten Gegenwart mit neuer Kraft.

All diese Dinge, die den Menschen heute umgeben, sind längst bereit ihren wohlverdienten Platz unter den symbolischen Äquivalenten der Realität einzunehmen.

Lena Kvadrat