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Martina Nowak sprach für die Zeitschrift Melange mit der Designerin Lena Kvadrat (art point) über ihre aktuelle Kollektion "DANDYISM"
Welche Umstände waren deiner Meinung nach ausschlaggebend für die Entstehung des Dandytums? Wie würdest du die Veränderungen beschreiben, die die Grundlage für die Entstehung dieses Phänomens darstellen?
Als historisches Phänomen trat das Dandytum erstmals im England des 19. Jh. in Erscheinung, es begegnet uns jedoch innerhalb der urbanen Kultur – v.a. in verschiedenen Umbruchsphasen der gesellschaftlichen Entwicklung – immer wieder aufs Neue. Zur Zeit seiner Entstehung versuchte eine rasant anwachsende und zunehmend sozial etablierte bürgerliche Schicht sich die ästhetischen Werte der Aristokratie anzueignen und für die eigenen Bedürfnisse zu adaptieren, worauf der an Bedeutung verlierende Adel in Form des Dandysmus mit einer spezifischen Form von "Subversion" reagierte. In den Jahrhunderten zuvor hatte sich die euopäische Gesellschaft auf ihrer Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis und sozialem Fortschritt in eine neue Epoche begeben: die Aufklärung.
Die bereits in der Antike erreichte Autonomie des Menschen, die sich im Christentum auf die Verwirklichung im Göttlichen reduzierte, trat nun wieder verstärkt in den Vordergrund und manifestierte sich im Streben nach einer Verwirklichung im eigenen Selbst: Ziel war die Erlangung einer universellen und gewissermaßen "autarken" Persönlichkeit.
Die technisch-wissenschaftlichen Errungenschaften in den unterschiedlichsten Bereichen gaben dem Menschen nun zudem die Hoffnung, diese Selbstverwirklichung auch tatsächlich im Laufe des eigenen Lebens zu realisieren. Das moralisch-religiöse Weltbild wurde durch den kritischen Individualismus abgelöst.
Worin siehst du die revolutionäre Gedanken/die Philosophie des Dandysmus bzw. was macht für dich den echten, ursprünglichen Dandy aus?
Das Revolutionäre an den Ideen Brummells (der als Prototyp des Dandy gilt) war seine höchst reflektierte Position in Bezug auf die Gesellschaft, die Kultur im Allgemeinen. Sein Verhältnis zur Gesellschaft war ein angespanntes, da er selbst die Verkörperung einer bestimmten Form von Kultur darstellte, die von der Gesellschaft zwar angestrebt, aber nicht im vollen Umfang realisiert wurde. Die von ihm gewählte Strategie bestand darin, diese Opposition ausschließlich über die Art sich zu kleiden auszudrücken, jedoch auf der Basis seiner persönlichen Qualitäten und seines distinguierten ästhetischen Geschmacks.
Vor dem Hintergrund demokratischer Entwicklungen, die auch zu einer Vereinheitlichung der Kleidung führten, will der moderne Dandy nicht mehr die höhere Klasse der niederen gegenüberstellen, sondern versucht das abstrakte Ideal des Individualismus auf andere Weise umzusetzen, nämlich durch die Trennung von Individuum und Masse.
Roland Barthes spricht in diesem Zusammenhang von der Herausbildung des "Details" als einer neuen ästhetischen Kategorie, welche – ohne die bereits erlangten Veränderungen auf dem Gebiet der Kleidung in Frage zu stellen – nicht mehr unmittelbar über den sozialen Status des Trägers Auskunft geben soll, sondern vielmehr als Zeichen einer bestimmten Community funktioniert. Kleidung ist kein gebrauchsfertiger Gegenstand mehr, sondern wird zum Objekt der kreativen Bearbeitung, die es dem Träger ermöglicht, sich neben der Deklaration von Gruppenzugehörigkeit v.a. auch gegen beliebige Wertvorstellungen abzugrenzen, die ihn mit anderen verbinden könnten.
Im Falle des Dandytums führte eine derartige Haltung zur Herausarbeitung eines "Verhaltenskodex", was dieses Phänomen mit einigen asketischen Praktiken verbindet, in denen mittels bestimmter Verhaltenstechniken eine besondere Denkform realisiert wird: "Handle exzentrisch, aber nicht demonstrativ", "Bewahre stets deine Ruhe", "Widme dich täglich mehrere Stunden deiner Kleidung, aber denke nicht daran, sobald du sie trägst...", um nur einige dieser Regeln zu nennen. Andererseits ist das so handelnde Individuum aufgrund seiner ständigen Oppositionshaltung gegenüber dem Sozium gezwungen, permanent neue Unterscheidungsmerkmale zu entwickeln, die es ihm erlauben, den gesellschaftlichen Normen zu "entgleiten"; – genau das ermöglicht das "Detail", indem es erlaubt, die Kleidung unendlich zu variieren und zu verändern.
Wie manifestiert sich eine derartige Strategie heute?
Heute stehen wir vor einem ganz anderen Bild der Welt. Die Gesellschaft der potentiellen Möglichkeiten appropriert äußerst schnell all das, was noch gestern als besondere Eigenheit eines sehr engen Kreises von Menschen galt. So geschah es auch mit dem Dandytum: nach seinem Tod als Stil einer kleinen Gruppe von Individuen folgte die Auferstehung innerhalb der Massenkultur. Das 20. Jh. hat wie kein anderes zuvor eine extreme Vielfalt der Alltagskleidung hervorgebracht. Im Laufe nur weniger Jahrzehnte veränderte sich im letzten Jahrhundert mehrfach die Silhouette: auf kugelförmig folgte trapezoid, Schultern verbreiterten sich und wurden schmäler, die Länge von Röcken und Hosen schwankten häufig und in bedeutendem Maße.
Heute kann man sagen, dass die Umrissformen der Kleidung über lange Zeiträume so gut wie unverändert bleiben und alles durch Details und die unendliche Kombinationsmöglichkeit von Produkten der Massenkultur geprägt ist. Der heutige Mensch muss lediglich entscheiden, welches ästhetische (Vor)Bild er durch die Kombination von Details in seiner Kleidung erreichen will. Seiner Umgebung bleibt es dann überlassen zu beurteilen, wie sehr diese Kombination ironisch oder ernst gemeint ist.
Niklas Luhmann definiert in seinem Buch "Die Gesellschaft als soziales System" die zeitgenössische Gesellschaft als einen "nicht markierten Raum". Was wir heute von der Welt wahrnehmen, ist also sozusagen die andere Seite des "Markierten". Auf sprachlicher Ebene drückt sich das durch Wendungen aus wie: "Warum auch nicht", "Eher das, als das" usw. also eine negativistische und (selbst)ironische Beschreibung der Welt, in der auch das "Fehlerhafte" als eine eigene ästhetische Kategorie Platz findet.
Wie hat der Dandy deine Vorstellung von Mode verändert?
Das war nicht wirklich der Fall. Eher ist folgendes passiert: eine Bestätigung der eigenen Überlegungen im historischen Kontext durch die Philosophie des Dandysmus.
Glaubst Du, dass es auch heute (wo die Toleranz der Gesellschaft ja doch schon viel größer geworden ist und jegliche Gegenbewegung, jegliche Kritik schon mit eingeplant wird, wo Individualität schon zu einem Konsumartikel geworden ist) noch möglich ist, DANDYLIKE einen gesellschaftlichen Protest auszudrücken? Die Verbindung von Selbststilisierung und kommunikativer Zurschaustellung scheint ja heute auch kaum mehr Platz zu haben.
Mir scheint, es ging auch damals nicht unbedingt um Protest. Der Individualist steigt nicht auf die Barrikaden, sondern versucht der Gesellschaft mit therapeutischen Methoden zu begegnen. Er versteht, dass alles klein beginnt, und handelt in seinem unmittelbaren Umfeld. Kleidung ist in diesem Sinn natürlich ein sehr geeignetes Mittel, wenn es um die Repräsentation eines bestimmten Weltbildes geht. Die Folgen können nichtsdestoweniger nachhaltig sein: schließlich geht es um das Einbringen einer individuellen, noch nicht existierenden Kombination von Einstellungen in die Gesellschaft, die letztlich dazu beiträgt, dass sich das Weltbild dieser Gesellschaft insgesamt verändert.
Wie ist das möglich, und was sollte deiner Meinung nach heute kritisiert werden bzw. welche Gegen-Statements sollte man/frau abgeben? Welche Rolle spielen heute in diesem Zusammenhang Kleidung, Accessoires, Habitus etc?
Alle Bemühungen sollten sich vor allem um eines drehen: die Auflösung oder zumindest Lockerung jener festgefahrenen gesellschaftlichen Codes und Klischees, die eine freie Zirkulation von "frischen" Ideen und "Weltanschauungen" im direkten Sinn des Wortes verhindern. Eines der überkommensten Klischees ist für mich in diesem Zusammenhang der sexistische Blick auf Kleidung und seine entsprechende Manifestation in sogenannten Hochglanzzeitschriften. Unser Vorrat an Bildern ist um vieles reicher, als dass man ihn auf die Kategorie der "Verführung" reduzieren sollte.
Du hast dir also auch Gedanken gemacht zu Dandy und Geschlecht bzw. Sexualität? Weil ja der Dandy vor allem ein Mann – ein Kunstprojekt war, der alles weibliche und alles natürliche abgelehnt hat, so auch seine Sexualität nicht wirklich ausgelebt hat... fallen dir auch weibliche Dandys ein?
Das Dandytum als Phänomen hat natürlich konkrete historische Wurzeln, aber als philosophischer Zugang zum sozialen Leben spielt er auch außerhalb dieses Kontextes eine Rolle. Die Frage nach der Geschlechtsrepräsentation durch Kleidung beschränkt sich heute nicht mehr auf das Problem einer sozial geschichteten oder nach Geschlechtszugehörigkeit gespaltenen Gesellschaft, sondern führt uns zu den Bedingungen der zeitgenössischen urbanen Kultur allgemein, innerhalb derer dem Menschen zumindest potentiell ein breites Spektrum an Gendermodellen zu Verfügung steht. Auch dieser "Forschritt" ist nicht zuletzt den erhöhten Möglichkeiten der Kommunikation und der Mobilität zu verdanken, die das städtische Leben auszeichnen, angefangen von den warmen U-Bahn-Tunnels, durch die wir uns bequem bewegen und in andere Kanäle weiterverteilen, bis hin zu Internet-Cafés, Chat-Rooms usw.
Warum gibt es in deiner Kollektion DANDYISM nur Kleidung für Frauen?
Nachdem Kleidung für Frauen sich heute gewöhlich aus einer weitaus höheren Zahl von Elementen zusammensetzt als jene für Männer, ergibt sich daraus auch eine größere Anzahl von möglichen Kombinationen. Während sich etwa der klassische Herrenanzug seit nun schon fast zwei Jahrhunderten beinahe nicht verändert hat, gelang es der weiblichen Kleidung innerhalb dieses Zeitraums, sich alle Grundattribute des Männlichen erfolgreich anzueignen: Hosen, Hemden, Sakkos … bis hin zu an der männlichen Anatomie orientierten Unterhosen mit Pseudoeingriffen.
Ich meine daher, dass gerade weibliche Kleidung heute eher als "dandylike" zu bezeichnen ist, wie auch die Grenzen der Gender-Repräsentation für das "weibliche" Individuum um einiges weiter gesteckt sind: Unterschiedlichste Kombinationen von Rollenattributen, die in der weiblichen Kleidung sichtbar werden, sind nicht annähernd so tabuisiert, wie es bei der männlichen der Fall ist. Eine Frau, die ein Business-Kostüm mit Hose trägt, findet überall ihren Platz – sei es im Büro oder in einem Lesben-Club. Ein Mann im Rock hingegen fühlt sich (ohne Hintergedanken) an folgenden Orten gut (bitte ergänzen Sie selbst): (a) ………………………, (b) ………………………, vielleicht auch (c) ………………………, vermutlich aber nur unter größten Schwierigkeiten.
November 2004
