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11/12 traces
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Kollektion TRACES, 2011 – 2012

Derrida versteht Spur als „Selbstlöschung, die Auslöschung ihrer eigenen Präsenz; sie wird durch Drohung oder die Angst ihres unwiderruflichen Verschwindens, des Verschwindens seines Verschwindens konstituiert.“ Die Spur steht für eine universelle „Nicht-Anwesenheit“, durch die sich eine besondere Form der Korrelation von allem mit allem manifestiert: die Fixierung dessen, was genau womit in Beziehung steht, erweist sich als unmöglich.

Die Spur „ist“ das, was sich der Subordination entzieht; nur die Präsenz lässt sich unterwerfen.

Derrida: „Nachdem die Spur in ihrem Verhältnis zu einer anderen Spur verkörpert, ist ihre eigene produktive Kraft direkt proportional zur Kraft ihrer Auslöschung“.

Mode ist Unterscheidung, Abgrenzung von der Vergangenheit, vom „Anderen“, von sich selbst.

Die Mode selbst ist eine ständig entgleitende Spur der Zeit. Die Mode hat keine Gegenwart. Kaum schafft es ein neues Phänomen Kontur anzunehmen, wird es schon in die Vergangenheit zurückgeworfen und seine Spur durch eine neue Welle von „Tendenzen“ überlagert.

Sobald ein konkreter Kleidungsgegenstand in die persönliche Garderobe eingeht, wird er zum Symbol der individuellen Zeit, eines Winters, Sommers, einer Begegnung, Liebe, Trennung… Er wird zu einem Speicher von Erinnerungen, von Spuren des Vergangenen, die wir entweder vergessen oder konservieren wollen.

Wir bewegen uns auf den Spuren von Information, und Information hinterlässt in uns ihre Spuren.

Die Spuren früherer Zivilisationen sind für uns kaum mehr sichtbar.

Im Interieur finden wir Spuren, Hinweise auf die Wurzeln unserer Herkunft.

In unserem Charakter sehen wir Spuren unserer Freunde.

Gesten, schnell und unbeabsichtigt eingefangen, vermitteln einen Anflug von Bräune, die wir von der spanischen Küste mitgebracht haben.

Wir sind die reine Spur aller Einflüsse, denen wir jemals ausgesetzt waren.

Massenartikel werden individualisiert.

Hochtechnologische Dinge können heute nicht mehr vererbt werden, sie existieren nur hier und jetzt, morgen werden sie bereits „von gestern“ sein.

Die Gegenwart definiert sich durch Innovation. Alle warten schon darauf, während sie noch ihre bereits veralteten Mobiltelefone verwenden.

Das Leben und sein Tempo haben sich verändert. Wir müssen sich uns selbst in den unterschiedlichsten Situationen vorstellen, die nicht mehr ausschließlich mit Familienbanden, Jahreszeiten oder unserem sozialen Status zu tun haben.

Das Leben in der Stadt beruht auf der Erotik des flüchtigen Blicks, der Selbstspiegelung.

Narzissmus tritt in den Vordergrund. Der Mensch befindet sich im andauernden Zustand einer leichten Erregung, eines erhöhten Tonus. Er gehört (zu) niemandem, ist ständig bereit für Veränderungen. Er eilt weiter und hinterlässt dabei Spuren in anderen und in sich selbst. Spuren kurzer Begegnungen, Blicke, Anspielungen. Er nimmt permanent Abschied: von seinem früheren Ich, von Situationen, von Menschen.

Am Höhepunkt der Trennung kommt es zu einer Desidentifikation: noch nicht dieser, aber auch nicht jener.

Immer voran.

Wie für die Ökonomie ein rascher Kapitalfluss wichtig ist, so lässt sich der Mensch im Zeitalter der beschleunigten mobilen Kommunikation mit einer Sende- und Empfangsstation für Information vergleichen: Ziel ist es, das persönliche Netz permanent mit Treffen, Verhandlungen und Verträgen auszulasten.

Der Kreis schließt sich erst spät nach Mitternacht, wenn wir nicht umhin können, den Körper – gemeinsam mit unserem Smartphone – eine Zeit lang zum Aufladen hinzulegen.

 

Lena Kvadrat, Juni 2011